Menu schliessen

Neustart im Tourismus

Mit der Lockerung der Reiserestriktionen kehrt der Duft des Urlaubs zurück. Aber wie geht es jetzt weiter? Michael Oberhofer, Geschäftsführer der Brixner Agentur Brandnamic, hat einen Brief an die Hottelier und Gastwirte geschrieben - und einen an die (Südtiroler) Gäste. 

Liebe Hoteliers und Gastwirte,

2020 begann mit Schrecken und ging abrupt in die Schockstarre der größten Krise Europas seit dem Zweiten Weltkrieg über. Covid-19 hat uns zunächst wochenlang mental und wirtschaftlich gelähmt, anschließend in eine emotionale Achterbahn aus Panik, Verleugnung, Hoffnung und Akzeptanz versetzt. Die erste beruhigende Nachricht: Solche Phasen gehören zu Katastrophen, und sie bereiten den Weg für die strategisch-kreative Neuausrichtung, die auf jedes unkontrollierbare Ereignis folgt. Die zweite: Wir befinden uns, mit dem bevorstehenden Neustart, bereits in dieser zweiten Phase. 

Worauf es nun ankommt, um den neuen Alltag nicht nur so gut wie möglich zu bewältigen, sondern auch alle positiven Erkenntnisse zu bewahren, die dieser Einschnitt gebracht hat, ist zweierlei: ein affirmatives Mindset, um gute Kommunikation mit Gästen und Mitarbeitern zu betreiben, sowie korrekte Verhaltensweisen, um die Sicherheit in den Betrieben zu gewährleisten.

Die richtige Geisteshaltung ist alles, denn unsere Einstellung und die Art, wie wir mit andern umgehen, öffnen oder verschließen uns Türen – das wissen wir als Gastfreundschaftsexperten gut.

 

Für uns Hoteliers und Gastwirte ist es deshalb jetzt am wichtigsten, zuversichtlich zu sein, und diese Zuversicht auch unseren Mitarbeitern und Gästen zu vermitteln. Uns selbst müssen wir vor Augen halten: Es gibt nur eine Richtung, und sie ist alternativlos, nämlich voran; und wir müssen alles Nötige veranlassen, damit es weitergeht.

Das beinhaltet auch eine Gewissensprüfung: Wie sehr habe ich bisher Gastfreundschaft und Authentizität tatsächlich gelebt? War meine Beziehung zu meinem Gast geprägt durch echte Freundschaftlichkeit, Zuvorkommenheit, bereitete mir meine Arbeit Freude, war sie mir Berufung – oder doch eher Mittel zum Zweck, mehr Wort als Tat? Der Gast, und im Übrigen auch unsere Mitarbeiter werden künftig noch genauer wahrnehmen, wie sehr uns an ihnen gelegen ist. Auch, weil die Umsetzung der neuen Hygienemaßnahmen Fingerspitzengefühl verlangen wird: Es wird nicht nur um die Sicherheit der Gäste gehen, sondern vor allem darum, ihnen trotz Maskenpflicht, Mindestabständen und eventueller Messung der Körpertemperatur unbeschwertes Urlaubsglück zu schenken.

 

Die Unterstützung durch fähige, einfühlsame Mitarbeiter wird unverzichtbarer denn je sein; Mitarbeiter spiegeln stets die Seele eines Hauses und die Haltung der Hoteliers wider, die also jederzeit vorbildlich sein muss. Der wichtigste Augenblick für den Gast wird seine Ankunft im Hotel sein – der erste Eindruck erweckt Vertrauen – oder eben nicht. Das Check-in muss einwandfrei und von den besten Leuten an der Rezeption choreographiert sein.

Es gilt, den Spagat zu bewältigen, Covid-19 präsent, aber nicht omnipräsent sein zu lassen: indem alle Hotelbeschäftigten Sicherheit ausstrahlen und sich an die Regeln halten, ohne je in Lamenti zu verfallen oder gar die Einschränkungen von Freiheit zu thematisieren; im Gegenteil, die Freiheit, die wir in Südtirol zu bieten haben – weite Landschaften, spektakuläre Naturerlebnisse – sollen umso stärker hervorgehoben und ins Programm integriert werden.

Natürlich ist es unabdingbar, sein Haus allen Sicherheitsstandards anzupassen, mögliche Entwicklungen bereits mitzudenken, proaktiv seine Website, Hotelbriefe, Stornobedingungen zu überarbeiten – doch vor allem soll Gewohntes überdacht werden: Welche Angebote sind jetzt wirklich gut; braucht es das 10-Gänge-Themenmenü, um sich selbst und andere zu übertrumpfen, oder ist es oft etwas Kleines, aber wirklich Hervorragendes, mit dem man tatsächlich punktet?

Lassen wir diese einmalige Chance, noch besser und echter zu werden, nicht ungenutzt vorbeiziehen; und denken wir auch solidarisch, indem wir die lokale Wirtschaft unterstützen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass jeder einzelne von einem gesunden und vielfältigen Kleinunternehmertum mehr profitiert, als wenn es nur noch wenige Giganten gibt.

Lieber Südtiroler Gast,

nun geht es endlich weiter: Neustart; doch ohne so weiterzugehen wie bislang.

Nach einem wochenlangen Lockdown, in dem – wie in jeder Ausnahmesituation – das Beste und das Hässlichste im Menschen gleichermaßen zum Vorschein kamen, haben wir Südtiroler nun das große Privileg, uns an einem der unleugbar schönsten Orte der Welt zu befinden. Wir leben, wo andere Urlaub machen, wie es in einem populären Werbeslogan so schön heißt.

Das ist nicht wenig, denn es ermöglicht uns ein Erlebnis von Freiheit und Urlaub in allernächster Nähe – egal, ob wir uns zaghaft wieder nach draußen wagen, oder fast bedenkenlos durchstarten.

So sehr wir die Welt und Resteuropa und Reisen in die Ferne lieben: Die immer noch geltenden Reisebeschränkungen berauben uns nicht der Möglichkeit, einen erholsamen Urlaub, eine uns wieder aufbauende Auszeit zu nehmen. Wir verfügen in Südtirol über Hotels der Extraklasse in allen Kategorien; Top-Strukturen, die bereits vor dem Einschnitt durch Covid-19 international keine Vergleiche scheuen musste, was die höchsten hygienischen Standards angeht.

Die Zeit ist also reif für etwas, was viele von uns in den letzten Jahren vielleicht nicht gemacht haben: einen Urlaub oder Wochenendtrip im eigenen Land. Nicht nur die Vielfalt und Weite der Natur, die für jeden noch zu entdeckende Geheimnisse bereithält, auch die große Anzahl an hochqualitativen Hotels, die kurzen Anfahrtswege, die tollen Menschen, die hinter so viel Arbeit stecken, sprechen dafür, dieses Jahr zumindest einen Teil der Ferien in Südtirol zu verbringen.

Ganz nebenbei unterstützt das die lokale Wirtschaft, was sich, das weiß man, langfristig positiv auf alle Unternehmer und Konsumenten einer Region auswirkt.

 

Seit langem besteht weltweit die Forderung nach einem sanfteren, nachhaltigen Urlaub; ist das Bewusstsein von Reisenden dafür gewachsen, dass wir unsere Erde nicht endlos ausbeuten dürfen. Auch das hat Covid-19 schonungslos verdeutlicht.

In Südtirol geht die Tendenz nicht nur seit kurzem zu einem schonenden Umgang mit den Ressourcen: Alternative Energien, natürliche Bauweisen, lokal produzierte Rohmittel beherrschen den Tourismusdiskurs seit geraumer Zeit und sind mittlerweile im Bewusstsein aller fest verankert.

Das ist gleichzeitig ein Indikator dafür, dass wir, bei aller Weltoffenheit und Europafreundlichkeit, das Lokale wieder zu schätzen gelernt haben – und wen wundert es? Auch das haben wir, gerade in Südtirol, vielleicht den Gästen von außerhalb zu verdanken – dass wir unsere Region mit neuen Augen zu sehen vermögen und begreifen, was wir an unserer einzigartigen Landschaft und ihren Ressourcen haben.

Wir dürfen uns etwa heute – und bald wieder – den Luxus gönnen, das kulinarische Angebot einer schier unzähligen Menge hervorragender Restaurants wahrzunehmen, es uns als Gast im eigenen Land gutgehen zu lassen.

In den Südtiroler Hotellerie wurden in den letzten Wochen enorme Anstrengungen unternommen und Sicherheitsmaßnahmen getroffen, um die Häuser der veränderten Situation anzupassen und die Mitarbeiter auf den neuen Arbeitsalltag vorzubereiten. Wer sie aufsucht, wird Angebote vorfinden, die es zuvor so nicht gab – geglückte Versuche des physical, aber nicht social distancing. Wir dürfen uns auf viele Magic Moments freuen: Gartenkonzerte, die wir bei einem Gin Tonic von Balkon aus mitverfolgen dürfen; ein Frühstückspicknick am See; ein Candle-Light-Dinner unter Bäumen; feine, süße Überraschungen auf dem Zimmer.

Alles, was unserer Sicherheit dient, wird schneller zur Gewohnheit werden, als wir glauben: Wer stört sich heute an einer Sonnenbrille als Schutz gegen UV-Strahlen, oder am rettenden Sicherheitsgurt im Auto? Eine Maske oder ein Visier werden rasch zum Alltag gehören, solange es eben nötig sein wird, wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Doch was wir gewinnen werden, ist ungleich mehr als das, was wir vielleicht verloren glauben.

Brandnamic

4.8 von 5 Sterne | Google
Scroll up

Ausfüllen, absenden, up to date bleiben

Kleinen Moment noch – der Inhalt wird geladen ...