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Tourismus in Zeiten der Nachhaltigkeit

WIKU-Fachartikel zum Thema „Sanfter Tourismus vs. Overtourism“

Tourismus – ein Fluch oder Segen für Südtirol und seine Bevölkerung? Ein Thema, das nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zu Diskussionen anregt. Brandnamic-Inhaber und Geschäftsführer Michael Oberhofer nimmt im WIKU – Südtiroler Wirtschaftskurier zu diesem Thema Stellung (erschienen in der WIKU-Ausgabe Nr. 4/2020 vom 29.01.2020). Hier finden Sie den gesamten Artikel zum Nachlesen – und einige interessante Denkanstöße.

In Zeiten, in denen in größerem Umfang betriebener Tourismus in der öffentlichen Diskussion zunehmend kritisch gesehen wird und die Forderung nach „sanftem Tourismus“ – als Gegenpol zum sogenanntem „Overtourism“ – lauter wird, spaltet auch in Südtirol die Frage, wie man richtig mit diesem Phänomen umzugehen hat, die Gemüter.

Dabei scheint es auf den ersten Blick, als verfielen die Positionen für oder gegen den Tourismus tendenziell ins Extreme: Während ihn die Gegner nahezu verteufeln und das Land am liebsten nach außen abschotten würden, wissen die Befürworter um seine wirtschaftliche Notwendigkeit und sehen ihn als zentrale Möglichkeit, Südtirol auch weiterhin international mithalten zu lassen.

Die Komplexität dieses Diskurses spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Umsetzung des bereits 2018 verabschiedeten Landesgesetzes Raum und Landschaft zur Regelung baulicher Maßnahmen – nicht nur, aber vor allem – im Tourismussektor wider: Die wichtigste Funktion des Gesetzes sollte es sein, einerseits eine nachhaltige gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen, andererseits aber auch, zum Schutz der Südtiroler Natur- und Kulturlandschaft – ohne die erfolgreicher Tourismus nicht möglich ist –, den Bodenverbrauch und die Zersiedelung einzudämmen.

Die Forderung nach einem Aufschub des für Januar dieses Jahres geplanten Inkrafttreten sorgte für Missstimmung zwischen allen Beteiligten. Es zeigt in aller Deutlichkeit, wie schwer ein unaufgeregter Umgang mit einem Thema ist, das hierzulande eben alle direkt oder indirekt betrifft – und doch sollten wir genau das versuchen. Denn eines ist unumstößlich: Tourismus ist und bleibt der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Provinz. Er hat seit den 60er-Jahren eine nicht nur ökonomische, sondern auch kulturelle Entwicklung ins Rollen gebracht, wie sie anderswo kaum stattgefunden hat – jedenfalls nicht ohne enorme Einbußen in anderen Bereichen.

Der Tourismus hat uns bereichert, und dies nicht nur materiell, durch eine bedeutsame Erhöhung des Lebensstandards und allem, was das nach sich zieht – Verbesserung von Gesundheit, Bildung usw. – sondern vor allem auch geistig. Wir sind offener geworden, internationaler, wir verstehen die Welt besser, seit wir sie hereingelassen haben.

Es gilt daher vielleicht auch, einmal eine Lanze zu brechen für den Gewinn, der mit dieser Öffnung einhergegangen ist; und dem allgegenwärtigen Jammern über überfüllte Straßen oder der leider allzu präsenten Missgunst jene Errungenschaften entgegenzusetzen, die in den letzten sechzig Jahren unser Leben so erleichtert haben; oder ganz einfach das Glück zu benennen, in einer Landschaft leben zu dürfen, die eben deshalb so vielbesucht ist, weil sie so reich an Schönheit und Fülle ist.

Die Verkehrssituation ist zugegebenermaßen nicht unkompliziert, und doch dürfen wir uns fragen, ob das allein den hohen Besucherzahlen geschuldet ist. Im Stau stehen wir nicht nur deshalb, weil unsere Gäste ihr jeweiliges Ziel erreichen wollen. Wir sind – verständlicher- und berechtigterweise – auch selbst gerne unterwegs, und statistisch will heute jede Familie mobil sein und ist im Besitz eines oder mehrerer Autos; auch Durchreisende, Transportunternehmen oder Zustelldienste sind für vermehrtes Verkehrsaufkommen verantwortlich. Doch an Verkehrskonzepten und Erreichbarkeit wird von politischer Seite gearbeitet, es handelt sich also bei weitem nicht um unlösbare Probleme.

Sprechen wir über die Schönheit, die wir dazugewonnen haben. Unvergleichlich schön waren die Seiser Alm, die Sextner Dolomiten, die Sellagruppe oder das Ortlergebiet selbstverständlich schon immer, doch war diese Schönheit für die meisten von uns vor fünfzig oder vierzig Jahren weniger zugänglich. Mehr (körperlich) harte Arbeit, dadurch weniger Zeit und Ressourcen bedeuteten auch geringere Möglichkeiten, diese Orte aufzusuchen. Erinnern wir uns daran, dass noch unsere Großeltern ihr Heimattal teilweise kaum je verließen.

Südtirol ist, was sein Angebot angeht, besonders in den vergangenen 15 Jahren ungleich attraktiver geworden, und eben nicht nur für Gäste von außen, sondern auch für seine Bewohner. Wir können uns heute den Luxus gönnen, das kulinarische Angebot einer beeindruckenden Anzahl ausgezeichneter Restaurants wahrzunehmen; in den Day Spas der Hotels der höchsten Kategorien Wellnesstage zu genießen; internationale Küchen kennenzulernen – und vieles mehr.

Für die heutige Generation junger Südtiroler ist es nun fast selbstverständlich, sich gut ausbilden zu lassen, zu studieren, Auslandserfahrungen zu machen, selbst zu reisen.

All diese Privilegien verdanken wir jenem Wirtschaftszweig, der allzu oft als Sündenbock für andere Schieflagen herhalten muss – und der harten Arbeit und dem Fleiß, den die ersten Hotel- und Unternehmensgründer im Tourismussektor sowie ihre Nachkommen – oft wir selbst – an den Tag gelegt haben, um diesen Erfolg zu erlangen. Wir verdanken sie den Opfern, die von so vielen Seiten bereitwillig erbracht wurden – von allen Dienstleistern, den Handwerkern, den Kulturschaffenden, von jenen, die an die Entwicklung geglaubt haben und das Risiko eingegangen sind, ihren Hof zu verkaufen, um eine erste Liftanlage zu errichten; kurzum, allen, die keine Mühen gescheut haben, um etwas voranzutreiben, dem sie vertrauten – zum Wohle aller.

Bei aller gesunden Skepsis, die kontinuierliches Wachstum hervorruft – doch bei der Tourismusentwicklung in Südtirol handelt es sich, allen Unkenrufe zum Trotz, um gesteuertes und begleitetes Wachstum –, bei der Pflicht, das, was wir tun, stets kritisch zu hinterfragen: Es ist an der Zeit, die oft betriebene, rein destruktive Polarisierung zu beenden, die verhärteten Fronten ad acta zu legen und gemeinsam mit den Hoteliers und Gastwirten, den Bauern, den Handwerkern, dem Handel, den Lehrern, die unsere Jugend so hervorragend ausbilden, den Politikern und allen anderen Akteuren an einem höheren Ziel zu arbeiten, von dem wir alle profitieren werden. Unser Bestreben muss es sein, den „guten“ Tourismus weiter auszubauen: Nachhaltigkeit kann viele Formen annehmen, und es hat nicht nur die Masse, sondern eben auch die Klasse zugenommen. Die Qualität zu fördern, sollte jetzt unser größtes Anliegen im Wirtschaftssektor Tourismus sein.

Brandnamic

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