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COVID-19 und Tourismus

Ein medizinischer Blickwinkel

Angesichts der überwältigenden Informationsflut zu COVID-19 herrscht Unsicherheit hinsichtlich der Rückkehr zur Normalität im Tourismus. Wie geht es weiter? Welche Sicherheitsmaßnahmen sind erforderlich? Ist der öffentliche Umgang mit der Krankheit richtig oder gar übertrieben? Univ. Prof. Dr. Med. Bernd Gänsbacher, Facharzt für Innere Medizin, Immunologie, Onkologie und emeritierter Hochschulprofessor der Technischen Universität München sprach im Webcast der Brandnamic Academy über das neuartige Virus und darüber, welche Maßnahmen Hoteliers ergreifen müssen, um die Sicherheit von Gästen und Mitarbeitern zu gewährleisten.

Bernd Gänsbacher

ist ein Facharzt für Innere Medizin, Allergie/Immunologie, Hämatologie/Onkologie und emeritierter Hochschulprofessor der Technischen UniversitätMünchen. 

Nach seiner Facharztausbildung an der University of Pennsylvania war er 16 Jahre Professor am Memorial-Sloan-Kettering-Krebszentrum in New York; er war u.a. Präsident der Europäischen Gesellschaft für Gentherapie (ESGT), Mitglied der Zentralen Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS) in Berlin und ist derzeit Direktor des Instituts für Experimentelle Onkologie und Therapieforschung des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München.

Die konkreten Antworten auf die brennendsten Fragen der Teilnehmer vom Webcast finden Sie hier:

Thema 1: Das Virus selbst

Wie lange, denken Sie, könnten wir ein akutes Problem mit dem Virus haben? Gegen HIV wird bereits seit 30 Jahren ein Impfstoff gesucht, wie wahrscheinlich ist es, dass wir bereits nächstes Jahr eine Impfung haben?

Aktuell sind in Deutschland und der Schweiz zwei Impfansätze zugelassen: Das deutsche Biotechnologie-Unternehmen BioNTech und der Schweizer Immunologe Martin Bachmann forschen an einem Impfstoff. Die Entwicklung wird etwa ein Jahr dauern. Nächstes Jahr ist also mit einem Impfstoff zu rechnen.

Könnte es bald ein Medikament gegen Corona geben?

Medikamente könnten an zwei Genen des Virus ansetzen, die die menschliche Zelle nicht hat. Tierversuche an Affen haben gezeigt, dass das Medikament Remdesivir gegen Corona wirkt. Studien aus China besagen das Gegenteil. Die Forschung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Momentan konzentriert man sich auf Medikamente, die gegen andere RNA-Viren wirken.

Sollten wir nicht „lockerer“ mit der Krankheit umgehen? Denn früher oder später werden wir sie sowieso alle haben? Wichtig ist vor allem, dass sie nicht zu viele Menschen auf einmal haben – ist das korrekt?

Etwa 20 % aller Infizierten braucht medizinische Hilfe. Dass ein lockerer Umgang mit der Krankheit das Gesundheitssystem schnell an seine Grenzen bringt, beweist die Entwicklung in England, das nach dem Herdenimmunitätsansatz schnell zu Ausgangssperren umgeschwenkt ist.

Wie werden sich die Menschen in Zukunft auf dem Planeten bewegen, wenn ein Virus reicht, um uns derartig einzuschränken? Ist das nicht übertrieben?

Ein Virus ist nicht gleich ein Virus. Man wusste, dass so etwas auf uns zukommt und hat keine Vorkehrungen getroffen. Die Forschung war nah dran, einen Impfstoff gegen SARS im Jahr 2002 zu entwickeln, doch die Gelder wurden eingestellt. In einem Jahr wird es Medikamente und einen Impfstoff geben, sodass ein solches Szenario wegen diesen Virus nicht mehr eintreten muss.

Sind serologische Tests für alle Mitarbeiter ratsam und notwendig?

Viele Tests weisen große Lücken auf, daher ist vor allem auf Sicherheitsmaßnahmen zu setzen.

Waren die Antikörpertests in Gröden sinnvoll?

Nein, denn es ist besser keinen Test zu machen, als einen schlechten Test.

Ist eine genesene Person immun? Wenn ja, warum gibt es Berichte von erneuten Infektionen?

Die Immunität nach der Genesung wurde an Affen nachgewiesen. Unmittelbar nachdem die Krankheit überstanden wurde, kann ein Patient nur eine geringe Anzahl von Viruspartikeln ausscheiden, die im Detektions-Grenzbereich der PCR liegen, also kann das Resultat in diesen Tagen mal positiv und mal negativ ausfallen. Es gibt einige wenige Menschen, die nicht genügend Antikörper gebildet haben. Die weitaus größere Zahl jedoch ist immun.

Wann könnten die Grenzen wieder geöffnet werden?

Erst wenn die Infektionskurven niedrig sind und wenn das Gesundheitssystem gewappnet ist.

Ist es sinnvoll, dass die Straßen desinfiziert werden?

Es schadet sicher nicht, aber die Wahrscheinlichkeit sich über die Schuhe zu infizieren ist gering. Dies dient sicherlich auch der Beruhigung der Bevölkerung. Generell ist es aber zu befürworten, weil es die Viruskonzentration eindämmt.

Wird die Wärme im Sommer das Problem lösen?

Nein. Viren sind in den Wintermonaten häufiger, weil sie Hitze nicht gut vertragen. Die Verbreitung wird erschwert, aber das Virus stirbt nicht aus. Städte die am Äquator liegen, wie Singapur, haben auch Infektionen

Man geht davon aus, dass erdgebundene Verkehrsmittel gegenüber Schiffen oder Flugzeugen Vorteile haben. Wie könnte die allgemeine Situation in diesem Sommer aussehen?

Wo Menschen auf engem Raum zusammen sind, werden Ängste bestehen bleiben. Darum kann es durchaus sein, dass weniger Flug- oder Schiffsreisen gemacht werden.

Ist der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn ein mögliches Symptom?

Ja, 20-30 % der Infizierten berichten über plötzlichen Geruchs- und Geschmacksverlust. Diese Symptome sind oft reversibel

Thema 2: Konkrete Schutzmaßnahmen in der Hotellerie

Ist eine Öffnung der Hotels zusammen mit den anderen Betrieben sinnvoll?

Ja, allerdings unter strenger Einhaltung der vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen. In Hotels ist das Ansteckungsrisiko aufgrund der hohen Frequentierung von Menschen verschiedener Länder mit unterschiedlichen Vorschriften viel höher. Mundschutz, Handschuhe, Temperaturmessen und Einhaltung der Hygienevorschriften sind unumgänglich.

Welche Maßnahmen müssen konkret eingehalten werden? Von der Hardware (Abgrenzungen im Liegebereich, Anschaffung von Geräten wie Fiebermessung, Desinfektion) bis zur Software (Information, Desinfektion, Mundschutz)?

Es muss unter allen Umständen vermieden werden, dass ein Träger des Virus im Hotel eincheckt. Dass sie Virusträger sind, wissen viele Infizierte nicht, die hauptsächlich Personen zwischen 20 und 30 Jahre sind. Temperaturmessen bei Gästen mit oder ohne Symptome wird deshalb notwendig sein. Die Anzahl der zugelassenen Personen in einem Raum muss begrenzt werden. Sinnvoll ist das jedoch nur, wenn zusätzlich Schutzmasken getragen werden.

Was ist zu tun, wenn ein Gast ankommt, der Symptome aufweist?

Wenn jemand mit Husten, Atembeschwerden oder Fieber ankommt, muss ein Test verlangt werden. Andernfalls sollte der Gast nicht einchecken.

Wie kann ein Mundschutz im Hotel funktionieren – essen, trinken, Sauna, schwimmen? Sollen Mitarbeiter acht und mehr Stunden lang mit Mundschutz arbeiten?

Die hohe Frequentierung eines Hotels macht es unvermeidbar, dass auch Virus-Ausscheider sich unter den Gästen befinden. Auf den Komfort der Maskenträger kann in diesem Fall nur begrenzt Rücksicht genommen werden, da die Verbreitung des Virus oberste Priorität hat.

Werden wir bei unseren Gästen und Mitarbeitern täglich die Temperatur messen müssen? Was halten Sie davon, wenn im Hotel selbst Tests durchgeführt werden?

Tests dürfen ausschließlich von medizinischem Personal durchgeführt werden. Zudem sind viele serologische Tests lückenhaft. Es existieren sieben unterschiedliche Coronaviren (4 harmlosere Erkältungsviren, 3 gefährliche Viren) und die meisten Tests können nicht unterscheiden.

Sollten nur Gäste im Hotel aufgenommen werden, die getestet sind?

Das wäre ideal; am besten, wenn auch die Mitarbeiter getestet sind.

Denken Sie, dass es unter Einhaltung entsprechender hygienischer Vorkehrungen möglich sein wird, den Spa-Bereich (Pool, Sauna, Massagen, Fitness) zu nutzen? Wie können solche hygienischen Vorkehrungen aussehen?

Im Wasser wurden, bei Einhaltung der Hygiene Vorschriften, bisher keine infektiösen Viruspartikel gefunden. Die bestehenden Hygienevorschriften für Sauna und Schwimmbäder verhindern ein Überleben des Virus, der mit hohen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit nicht zurechtkommt , – 22 °C und 50 % Luftfeuchtigkeit sind für das Virus dagegen ideal. Bezüglich der Schweißabsonderung in Schwimmbad und Sauna besteht daher kein Grund zur Sorge. Trotzdem müssen auch im Spa-Bereich Schutzmaßnahmen eingehalten werden, denn eine Ansteckungsgefahr besteht weiterhin. Liegen dürfen nur mit Handtuch benutzt werden.

Können Wellnessbehandlungen und Massagen durchgeführt werden?

Ja, wenn Gast und Mitarbeiter Mundschutz tragen, die Hände sauber desinfiziert und Hygienerichtlinien eingehalten werden.

Wie sieht es aus mit Buffets? Ist UV-Licht hier sinnvoll?

Das Virus kann auf Oberfläche eine gewisse Zeit lang überleben, deshalb sind Buffets nur möglich, wenn die Schutzmaßnahmen (Mundschutz und Handschuhe) von Gästen und Mitarbeitern eingehalten werden. UV-Strahlung ist sinnvoll, ändert aber nichts an Viruspartikeln auf Oberflächen.

Wie lange überlebt das Virus auf Oberflächen?

Auf Chrom einige Stunden, auf Plastik und Stahl zwei bis drei Tage. Die Halbwertszeit der Viruskonzentration liegt bei sechs Stunden, es hängt also von der Anzahl der Viruspartikel ab, wie lange eine Ansteckungsgefahr besteht. Eine Mundschutzpflicht wird die ausgeschiedene Viruskonzentration entsprechend verringern.

Sind Teller- und Weinservice möglich? Reichen Mundschutz und Handschuhe aus?

Absolut. Beim Weinöffnen muss die Distanz von zwei Metern eingehalten werden.

Essen mit Schutzmaske ist nicht möglich. Können stattdessen Visiere getragen werden?

Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Daten. Da aber Visiere unten offen sind, sind Masken bestimmt die bessere Lösung.

Welche Art von Mundschutz wird empfohlen? Sind Stoffmasken eine Alternative zu chirurgischen Masken, die täglich entsorgt werden müssen?

Chirurgische Masken sind die sicherste Variante. Selbstgemachte Masken und Schals wurden nicht medizinisch getestet und können daher nicht empfohlen werden. Das Virus wird in Flüssigkeitshüllen unterschiedlicher Größe ausgeschieden. Tröpfchen werden auch von alternativen Schutzmasken gebremst, ob diese jedoch auch Aerosole aufhalten ist fraglich.

Wie lange können chirurgische Masken getragen werden? Führen sie über mehrere Tage zu Hautirritationen?

Die Masken können den ganzen Tag über getragen werden, wenn richtig damit umgegangen wird – nicht mit den Händen berühren. Die Masken (FFP1) sind so locker, dass sie der Haut nicht schaden können.

Müssen auch die Augen geschützt werden?

Ja, denn das Virus wird auch über die Tränenflüssigkeit ausgeschieden.

Können Aktivitäten, wie gemeinsame Wanderungen und Kinderbetreuung, angeboten werden?

Ja, jedoch nur unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen. Masken sind ein Muss, Handschuhe sind sinnvoll. Eine Übertragung ist auch im Freien möglich.

Sollten Sitzgelegenheiten im Freien und Spielplatzeinrichtungen desinfiziert werden?

Ja, das ist durchaus sinnvoll.

Was wird zukünftig für Hotels sinnvoll sein? Einige Betriebe nutzen bereits Geräte zur Ozonreinigung. Hilft das gegen Covid-19?

Ozonreinigung ist sehr sinnvoll. Noch besser sind UV-Strahler, die über Nacht zum Einsatz kommen. Diese reduzieren die Viruskonzentration in der Luft nachweislich, ohne dem Menschen zu schaden. Die Größe des Strahlers bestimmt ein Fachmann.

Wie vermeide ich die Kontamination von Besteck, Geschirr, Küchenmessern, Küchengeräten?

Ein Mundschutz  und Handschuhe ist unverzichtbar.

Wie verhält es sich mit der Handhabung von Lebensmitteln? Was wäre ein sinnvoller Umgang mit unverpackten/rohen Lebensmitteln?

Es ist damit zu rechnen, dass infizierte Personen die Lebensmittel berührt haben. Gründlich waschen, Mundschutz und Handschuhe tragen ist unbedingt erforderlich.

Zurzeit ist eine 10er Regelung im Gespräch, das heißt, pro Person müssen 10 m2 vorgesehen werden. Für Restaurants ist das kaum machbar. Glauben Sie, dass 10 m2 für zwei Personen ausreichen würden?

Wenn alle Anwesenden einen Mundschutz tragen, sind zwei Meter Abstand genug. Ohne Mundschutz ergibt eine m²-Regelung keinen Sinn.

Wäre im Service nicht häufiges Händewaschen sinnvoller, als den ganzen Tag die gleichen Handschuhe zu tragen? Welche Art von Handschuhe wird empfohlen?

Nein, wenn jeder Handschuhe trägt, können die Hände nicht mit dem Virus in Berührung kommen und sind absolut sicher. Einweghandschuhe reichen aus. Wenn diese regelmäßig mit Alkohol besprüht/gereinigt werden, ist eine Kontamination nahezu unmöglich.

Welches Desinfektionsmittel ist zur Reinigung geeignet?

Die Verpackungshinweise müssen „enveloped viruses“ beinhalten.

Dürfen Menschen im Seniorenalter weiterhin im Betrieb mitarbeiten oder das Hotel als Gast besuchen?

Natürlich, unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen, denn das Virus unterscheidet nicht zwischen Alt und Jung.

Ist der Einsatz von Corona-Apps zu empfehlen?

Unbedingt. Die Erfahrungen in Südkorea haben gezeigt, dass der Einsatz aller zur Verfügung stehenden Technologien die Ausbreitung des Virus eindämmen kann. Die App sendet sofort eine Benachrichtigung, wenn sich am aktuellen Standort eine infizierte Person befand. Jeder sollte sich anmelden.

Muss beim Waschen der Arbeitskleidung Desinfektionsmittel zugeführt werden?

Nein, waschen bei 60 °C, mindestens 15 Minuten lang reicht aus.

Sollten Handlufttrockner entfernt werden? Sind Klimaanlagen ein Problem?

Handlufttrockner können bleiben. Klimaanlagen sind ein Problem, wenn im Luftstrom ein Virusträger sitzt, weil der Virus dann mitgetragen wird.

Thema 3: Umgang mit infizierten Personen

Es gibt einen Infektionsfall im Hotel. Welche Folgen wird das für die anderen Menschen (Mitarbeiter, Gäste, Unternehmer) im Hotel und die Struktur haben?

Die Konsequenzen sind enorm: Der infizierte Gast wird im Heimatland weitere Menschen anstecken und muss eventuell mit Symptomen ins Krankenhaus. Die Behörden werden nachforschen, woher die Ansteckung kommt, alle Kontaktpersonen identifizieren und isolieren. Eine Berichterstattung in den Medien wird für die Urlaubsregion schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.

Glauben Sie, dass ein Hotel nach einem solchen Vorfall für längere Zeit schließen muss?

Es liegt im Interesse aller Hoteliers, die Entwicklungen im eigenen Land zu beobachten, denn ein erneuter Corona-Fall in der Presse, egal, in welchem Bereich, wird sich negativ auf den gesamten Tourismus auswirken.

Welche Hilfe muss einem infizierten Gast bereitgestellt werden?

Wenn eine Infektion vermutet wird, muss der Gast sofort für einen Test ins Krankenhaus gebracht werden.

Brandnamic

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