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Die Zukunft des alpinen Tourismus

WIKU-GASTKOMMENTAR von Geschäftsführer Michael Oberhofer

In einer Realität, die wir zuversichtlich als „post-covid“ bezeichnen, obwohl wir uns selbstverständlich nicht am Ende der Pandemie befinden – zu zahlreich sind noch die Unbekannten –, sind wir gleichwohl an einem Scheidepunkt angelangt. Das Gröbste wissen oder hoffen wir hinter uns, und wir haben begriffen, dass wir aus den Geschehnissen Lehren ziehen müssen, wollen wir einen Rückschlag vermeiden –  aber einfach auch, weil uns die längst fällige Erkenntnis ereilt hat, dass wir schlicht nicht so weitermachen können wie bisher: mit unseren Leben und im Spezifischen, unserer Branche, dem Tourismus.

Wohin aber gehen wir von hier aus, welche Richtung sollen wir einschlagen, wenn wir fortan alles besser machen, uns einsichtiger zeigen wollen? Zunächst einmal muss zur Beruhigung gesagt werden, dass uns natürlich kein Kahlschlag abverlangt wird, kein Prinzip Tabula Rasa. Wir haben vieles, worauf wir bauen können und müssen. Wir befinden uns in der glücklichen Situation, eine Auswahl treffen zu können: jene Aspekte des Bestehenden, die gut sind, mitzunehmen, jedoch die Fehler, deren wir zweifelsohne einige gemacht haben, hinter uns zu lassen. Um zu verstehen, welcher Entscheidungen und Maßnahmen es jetzt bedarf, brauchen wir eine Bestandsanalyse, vor allem jedoch eine Vision. Wie soll die Zukunft des alpinen Tourismus aussehen? Wie wollen wir den Standort Südtirol gestalten, wohin sollen wir ihn führen? Wohlgemerkt: nicht, welches Image wollen wir Südtirol fortan verleihen, sondern, was sollen Südtirol und seine Gastgeber tatsächlich sein?

 

Ein wochenlanger, intensiver Erfahrungsaustausch unter Tourismusverantwortlichen hat eine Wahrheit deutlich hervorgebracht: Es darf nicht nur eine situationsangepasste Entwicklung, sondern es muss eine gewollte, tief empfundene Haltungsänderung bei allen beteiligten Akteuren stattfinden, da uns nur die richtige Einstellung langfristig retten kann.

 

Ich möchte deshalb für zwei Schwerpunkte bzw. Ziele plädieren, mit denen wir unseren Gästen und der Mission, Tourismus für die Zukunft zu betreiben, gerecht werden können: Erstens, Südtirol soll die nachhaltigste Urlaubsregion im Alpenbereich werden; zweitens, Südtirol muss die gastfreundlichste Region im Alpenbereich sein. Diese Forderungen sind Ideal und Pragmatismus in einem. Beides muss authentisch gelebt werden, beides muss gleichzeitig wirtschaftlich kalkulierbar und gewinnbringend sein, denn das eine ist nicht ohne das andere umsetzbar.

 

Nicht nur die sich überstürzenden Ereignisse der letzten Monate, sondern bereits die Erfahrungen der vergangenen Jahre lassen keinen Zweifel daran, dass die Zeit reif für ein Umdenken ist. Die für uns hauptsächlich relevante Gästeschicht hat sich schon vor Corona immer deutlicher für eine sanfte Erlebniskultur ausgesprochen, sie hat erkannt: Die Natur, unsere Landschaft, will nicht lediglich benutzt werden, sie ist keine kapitalistische Ware. Ihr soll nicht die undankbare Aufgabe zukommen, einfacher Reizauslöser zu sein, simple Kulisse für einen oberflächlichen Urlaub; im Gegenteil, ihre Großartigkeit wird endlich wieder anerkannt, sie will in ihrer Vollständigkeit erfahren werden, die Natur will, ganz im Sinne der romantischen Tradition, Spiegel der Seele sein – sie ist Sehnsuchtsort für das individuelle Empfinden wie für das mit anderen geteilte Erlebnis. Als solche ist sie unser am meisten schützenswertes Gemeingut und an ihrer Erhaltung darf kein Weg vorbeiführen.

 

Die Entscheidungsträger in den Organisationen und Verbänden müssen sich zusammen an einen Tisch setzen, um Ideen für einen klimapositiven Maßnahmenplan auszuarbeiten, der für alle Betriebe anwendbar ist. Die dringendsten Anliegen lauten: Wie setzen wir diesen bereits eingeschlagenen Weg fort, wie finanziert sich der schonende Umgang mit den vorhandenen Ressourcen auf allen Ebenen? Dass Hoteliers Gewinne machen müssen, ist fraglos: Täten sie das nicht, wären sie jetzt größtenteils von der Bildfläche verschwunden. Wirtschaftlichkeit und unbedingter Schutz der Umwelt schließen einander nicht aus. Die hauptsächlich zu erörternde Frage ist das Wie, und darauf müssen gemeinsame Antworten gefunden werden.

 

Der zweite Aspekt einer Vision für den alpinen Tourismus betrifft die Wiederentdeckung der Gastfreundschaft im ursprünglichen Sinn, nämlich einer ehrlichen und respektvollen Begegnung des Gastgebers mit dem Gast, der Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit seinen Bedürfnissen, unverfälschter Kommunikation. Wir müssen einander dazu auffordern, eine hochqualitative Angebotspalette zu schaffen, in der Natur, Natürlichkeit, Nachhaltigkeit, Lokalität und vollendeter Service vereint sind.

 

Südtirol muss seine Besucher über das Erlebnis Landschaft einerseits und mit authentischer Gastfreundschaft andererseits bereichern. Ein Gast spürt sehr wohl, ob ihm sein Gastgeber mit ehrlich empfundener Zuvorkommenheit begegnet, oder lediglich etwas – nämlich finanziellen Gewinn – von ihm will. Ein Aufenthaltsort wird nur von jenen zum Sehnsuchtsort auserkoren, die sich von ihrem Urlaubserlebnis tiefgehend berührt, im Idealfall sogar transformiert fühlen. Erst dann entsteht der Drang, wiederzukehren, findet statt, was wir „Gästebindung“ nennen, was in Wahrheit aber ein komplexer Vorgang der Erinnerungsschaffung ist. Nicht umsonst wirbt die Reisebranche, wie andere Branchen (etwa die Autoindustrie) bereits vor ihr, mehr und mehr mit Geschichten, die Bilder im Kopf, Sehnsüchte und somit in letzter Instanz Identifikation hervorrufen. Die Wirkung einer solchen Art von Werbung mag weniger messbar sein, ist jedoch keineswegs weniger durchschlagend. Überhaupt müssen wir von der Vorstellung abkommen, alles müsse unentwegt zählbar und messbar sein. Dazu gehört der Irrglaube, der übrigens leider oft in Missgunst ausartet, dass von einem Gast nur der jeweils auserwählte Hotelbetrieb profitiere. Dem ist nicht so, denn ebenso wie etwa ein Städtchen an Attraktivität verliert, wenn nach und nach alle Läden dichtmachen, und sich das schließlich auf das gesamte Unternehmertum auswirkt, lebt der gesunde Tourismus von Vielfalt, vernünftigem Gegenangebot, lokaler Solidarität und letztlich konstruktivem Austausch. Die Qualität, auf die es jetzt nach dem Lockdown, aber auch einer Ära teilweise überzogener Profitgier ankommt, lässt sich nicht dadurch erzielen, dass vermeintliche Konkurrenten ausgeschaltet werden, sondern durch ein System der Zusammenarbeit, das dem Gast eine unendlich große Bandbreite der Möglichkeiten bietet.

 

Ebenso wenig, wie unsere Landschaft nur Mittel zum Zweck sein darf, darf uns deshalb das serviceorientierte Gastgebersein abhandenkommen. Die Zukunft des alpinen Tourismus wird uns eine Neuorientierung abverlangen, die nur auf den ersten Blick wie ein Opfer aussieht: der in allen Belangen schonende Umgang mit unseren Ressourcen und das wieder-ganz-bei-den-Leuten-Sein. Für jene, denen ihr Beruf Berufung ist, werden diese Dinge eine Bereicherung darstellen, eine Rückkehr zu den Wurzeln. Alle anderen sind vielleicht ohnehin fehl am Platze in dieser Branche.

Gehen wir es an.

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