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Wenn Berater zu Seelsorgern werden

Artikel in der Fachzeitschrift "FVW" im Umgang mit der Krise

Zwischendurch melden sich bei Stephan Gander, Besitzer des Südtiroler Hotels Bella Vista, immer wieder Stammgäste mit Solidaritätsbekundungen – telefonisch natürlich oder per E-Mail. „Wenn diese Viruswelle vorbei ist, kommen wir ganz bestimmt wieder“, versichern sie. Und für Gander, der das Haus im Ort Trafoi gemeinsam mit seiner Frau Petra Thöni führt, steht fest: „Wir freuen uns schon jetzt darauf, wenn das Leben hier oben wieder seinen normalen Lauf nehmen wird.“ Bis dahin versucht er, das Beste aus der Situation zu machen – und ist mit Frau, den vier Kindern und der Schwester seiner Frau mit Mann und ihren drei Kindern ins eigene Hotel gezogen: Das Haus, das der Familotel-Gruppe angehört, ist seither das eigene  Familienhotel“. Hotelzimmer sind Kinderzimmer, die Küche dient als Treffpunkt, und im Speisesaal gibt‘s Schulunterricht. „Plötzlich verstehen wir, wie es damals in der Bergschule gewesen sein muss, als Kinder unterschiedlicher Altersstufen gemeinsam unterrichtet wurden“, berichtet Gander. Mitunter stehen auch Kinoabende auf der Großleinwand auf dem Programm.

 

Kein anderes Land spürt die tödlichen Folgen von Corona so extrem wie Italien. Und auch der völlige Zusammenbruch des Tourismus in Europa begann hier viel früher als anderswo. „Die Notverordnung der italienischen Regierung kam über Nacht“, sagt Gander: „Sämtliche Hotels, alle Skigebiete, Bars und Restaurants mussten geschlossen, Gäste und Mitarbeiter verabschiedet werden. Unser Hotel war von einem Moment auf den anderen leer.“ Natürlich ist das für die Branche eine Katastrophe. Auch deutsche Veranstalter, die sich auf das Land fokussieren, spürten die Corona-Folgen als Erstes – und massiv. „Nach der saisonal üblich sehr schwachen Winterzeit bleibt nicht mehr viel, um einen solchen Totalausfall von Februar bis April, Mai, Juni oder noch später zu verkraften“, sagt stellvertretend für viele Franz-Josef Münchrath, Chef von Italweg. Insbesondere für Busreiseveranstalter schnürt der Kölner seit mehr als 30 Jahren individuelle Pakete. Und Ende vergangenen Jahres referierte Münchrath, der zugleich als Vizepräsident des Verbands der Paketer fungiert, beim fvw Workshop in Triest über Bustouristik. Ohne staatliche Finanzhilfen werden Anbieter wie Italweg nun ebenso wenig auskommen wie die  estinationsagenturen in Italien selbst. Im Norden des Staats liegt der Tourismus seit Wochen brach. Wann die ersten Urlauber wiederkommen werden, ist in keiner Weise abzusehen. Doch trotz fast vollständiger Abschaltung des öffentlichen Lebens, trotz Homeoffice und Web-Konferenzen: Die Hoffnung, dass bald wieder Normalität einkehrt, wird hochgehalten. „Wir arbeiten an unseren Projekten weiter“, sagt Claudia Valentini, Tourismusmanagerin der Region Emilia Romagna. „Wir hoffen, dass spätestens im Sommer, wenn die warmen Temperaturen dem Virus hoffentlich zusetzen, die Urlauber in unsere schöne Region zurückkehren. Aber aktuell geht die Gesundheit vor.“ Optimismus schöpfe sie aus der Solidarität, welche die Menschen in der Krise zeigten. Beispielhaft verweist Claudia Valentini auf Postkartenaktionen junger Menschen in Rimini, die – ähnlich wie in Deutschland und anderswo – auf den Karten älteren und kranken Mitbürgern ihre Hilfe anbieten, etwa beim Einkaufen. Und Riminis Bürgermeister Andrea Gnassi mache den Einwohnern täglich via Videobotschaft Mut und fordere sie auf, in erster Linie durchzuhalten.

 

Zeit für Erdnung und Entschleunigung
Schlicht als „Albtraum“ bezeichnet auch Michael Oberhofer, Inhaber einer Südtiroler Agentur für Hotel- und Destinationsmarketing, die Lage. „Jahrzehntelang haben die Hoteliers Aufbauarbeit geleistet, investiert und kleine Gastbetriebe in Resorts verwandelt, um dem internationalen Wettbewerb standzuhalten“, sagt Oberhofer: „Dann kam etwas, womit niemand gerechnet hatte. Ein Schock, in wirtschaftlicher Hinsicht für viele absolut dramatisch.“ Mit seiner Firma Brandnamic berät er seine Kunden nun vor allem, wie sie mit Stornierungen umgehen sollen und wie sie nach der Krise möglichst schnell wieder auf die Beine kommen. „Wir tauschen uns mit den Hoteliers aus, klären auf, helfen, stehen zur Seite und sind auch ein bisschen Seelsorger“, sagt der Südtiroler. Dabei hat der plötzliche und massive Zusammenbruch der Branche für Oberhoferdurchaus eine gute Seite: „Die auf Leistung getrimmte Gesellschaft hält nun inne, legt eine Verschnaufpause ein, besinnt sich auf die wichtigen Dinge.“ Er hofft, dass sich die Menschen – Urlauber wie Anbieter – nach der Krise „wieder zufriedener zeigen und verbundener miteinander.“ Den passenden Zeitpunkt für eine Bilanz sieht er erst gekommen, wenn die finanziellen Unterstützungsmaßnahmen greifen – und vielleicht sogar erst dann, wenn „Touristen die Symbiose aus Tiroler Tradition und südländischem Temperament wieder leben“. Natürlich gehe es dann wie vor der Krise darum, Südtirol zu genießen. „Aber immer mit dem Wissen, dass unser großes Glück in einer boomenden Region fragiler ist, als wir dachten, und deshalb auch wertvoller, als wir es wussten.“ Ähnlich sieht das Hotelchef Gander. „Erst durch den Stillstand haben wir die Chance bekommen, unser eigenes Hotel selbst zu genießen, und nehmen plötzlich alles anders wahr“, sagt er: „Zum ersten Mal in unserem Leben haben auch wir hier in Trafoi Urlaubsgefühle, bekommen die Entschleunigung und Erdung zu spüren, von der unsere Gäste schwärmen.“ Und: Trotz Kontaktverbots empfangen die Ganders regelmäßig Besuch – allerdings erlaubten: „Durch die ungewohnte Ruhe am Hotel wagen sich jetzt Rehe und Hirsche bis auf die Hotelterrasse vor“, erzählt
Gander: „Sie kommen zuverlässig und pünktlich gegen 17 Uhr.“

 

FBW-Artikel von Oliver Graue vom 27.03.2020

Brandnamic

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